Was ist Zeit?

"Zeit ist das, was man an der Uhr abliest." meinte Albert Einstein (1879 - 1955), der dann aber doch Uhren mit Zeit gleich setzte: Wenn Uhren langsamer oder schneller gehen (was von vielen Faktoren abhängt), dann geht nach Einstein auch die Zeit langsamer oder schneller. Hier widerspricht sich der große Gelehrte selbst, ebenso wie der alltäglichen Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand. Denn Zeit ist eben nicht gleich ihrer Messung, so wie Gewicht auch nicht gleich dem Wert ist, den man von der Waage abliest. Da ist die Einstellung des Heiligen Augustinus (354 - 430) schon ehrlicher, wenn er sagt: "Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich's, will ich's aber einem Fragenden erklären, weiß ich's nicht." Und er weist auf einen wesentlichen Aspekt der subjektiv erlebten Zeit hin: "In der Gegenwart werden die Zukunft, die an sich noch nicht ist, und die Vergangenheit, die an sich nicht mehr ist, im Geiste sichtbar."
Eine besonders poetische Beschreibung des Gefühls der Zeit liefert der SF-Schriftsteller Ray Bradbury (* 1920) in der Erzählung "Night Meeting" aus den "Marschroniken":
"Es lag heute Abend ein Geruch von Zeit in der Luft. Er lächelte und verweilte bei der Fantasievorstellung. Ein interessanter Gedanke. Wie roch die Zeit überhaupt? Nach Staub und Uhren und Menschen. Und wenn man sich fragte, welches Geräusch die Zeit machte, so klang sie wie Wasser, das in einer dunklen Höhle dahinströmt, und wie weinende Stimmen und Erdschollen, die auf hohle Sargdeckel fallen, und wie Regen. Um den Gedanken weiterzuspinnen, wie sah die Zeit aus? Die Zeit sah aus wie Schneefall in einem schwarzen Raum oder wie ein Stummfilm in einem alten Kino oder wie hundert Milliarden Gesichter, die wie unzählige Neujahrsballons herabsinken, immer tiefer hinab ins Nichts. Ja, so roch und klang die Zeit und so sah sie aus. Und heute - heute Abend konnte man die Zeit beinahe fühlen."

Durch die Jahrtausende gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Auffassungen von Zeit. Die erste, die wir statisch nennen wollen, leugnet den Fluss der Zeit, die Entwicklung der Dinge, den Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die andere, die wir dynamisch nennen wollen, betont genau diese Attribute: Die Zeit fließt, es gibt Dynamik, Evolution, eine Zukunft, die sich aus Vergangenheit und Gegenwart allmählich heranbildet. Hier die wichtigsten Vertreter dieser Denkrichtungen:

 
statisch dynamisch Kategorie

Parmenides: Die wirkliche Welt

(„aletheia") ist ein unveränderliches

Ganzes

Heraklit: "Alles fließt" antike Philosophie

Newton: Zeit ist eine Kategorie

zur Beschreibung von Bewegungen

Leibniz: Zeit ist eine

Beziehung zwischen Ereignissen

Beginn der Natur-

philosophie

Kant: ähnlich Newton

Bergson: Zeit besitzt Dauer

und Entwicklung

Moderne Philosophie

Minkowski/Einstein: "Blockuniversum".

Zeit = Raumkoordinate (4. Dimension)

Kosyrew: Zeit ist ein Fluss,

der sich verdichten kann

und die Umgebung beeinflusst

Theoretische Physik

des 20. Jahrhunderts



Für Parmenides (540 - 475 v. Chr.) war alles Täuschung und folgerichtig auch der Zeitfluss eine Illusion. Nichts geschieht wirklich, alles ist schon irgendwie vorhanden. Der Urgrund des Seins kann aber nicht gesehen oder beschrieben werden. Heraklit (gleiche Lebensdaten wie Parmenides) dagegen betonte das Fließen der Zeit; berühmt ist sein Ausspruch: Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss treten. Damit meinte er auch: Man kann nicht zweimal das Gleiche erleben.
Isaac Newton (1643-1727) brauchte die Zeit als absolute, unveränderbare, starre Größe, mit deren Hilfe er Bahnen und Bewegungen beschrieb. Seine Zeit fließt, kann aber nicht beeinflusst werden. Auch gibt es keinen Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und die Richtung der Zeit ist belanglos. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) dagegen war Relativist und propagierte die erste Relativitätstheorie, ohne sie auszuarbeiten. Zeit kann nur durch zwei Ereignisse definiert werden (vorher - nachher, große - kleine Distanz).
Für den deutschen Denker Immanuel Kant (1724 - 1804) war die Zeit Anschauungsform a priori, also eine angeborene Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erfassen, mithin nichts Substanzielles, sondern ein bequemes Hilfsmittel zum Überleben - wie Farben, die uns zeigen, ob eine Frucht reif ist oder nicht. Für den französischen Philosophen Henri Bergson dagegen (1859 - 1941) ist die Zeit "ein mal schnelleres, mal langsameres Fließen und Werden, eine unumkehrbare, unwiederholbare, unteilbare Dauer". Sie ist etwas Schöpferisches, denn sie erschafft kontinuierlich unvorhersehbar Neues.
Albert Einstein schuf 1905 die "Spezielle Relativitätstheorie" (abgekürzt SRT), in der Raum und Zeit relativ gleichberechtigt, aber noch getrennt sind. Der Mathematiker Hermann Minkowski fügte die beiden Beschreibungskategorien zu einem vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum zusammen, wo die Zeit als selbstständiges Wesen keinerlei Rolle mehr spielt. Einstein übernahm Minkowskis Idee und baute sie in seine "Allgemeine Relativitätstheorie" (abgekürzt ART) 1915 ein. Die Welt ist nichts anderes als eine statische Struktur, die von einer höheren Warte aus als einziger, unbeweglicher Block gesehen werden kann (daher der Ausdruck "Blockuniversum"). Eine Entwicklung ist dort natürlich nicht möglich: Es gibt weder Evolution noch freien Willen. Weder fließt die Zeit noch hat sie eine Richtung oder gar so etwas wie "Substanz". Originalzitat Einstein 1955: "Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist bloße Illusion, wenngleich eine ziemlich hartnäckige."
Eine Substanz indes spricht ihr der russische Astronom und Physiker Nikolai Alexandrowitsch Kosyrew (auch "Kozyrev" geschrieben) zu (1908 - 1983). Bei ihm ist die Zeit wie ein Strom. Sie fließt (und er konnte sogar ihre Flussgeschwindigkeit bestimmen!); sie hat, wie alle Flüsse, unterschiedliche Dichte; sie kann ihre Umgebung beeinflussen und umgekehrt von ihrer Umgebung verändert werden. Sie ist substanziell, und man kann ihre Auswirkungen messen.
Also wollen wir uns jetzt ein wenig mit den Eigenschaften der Zeit beschäftigen.

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